Arbeit, die krank macht

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Die schönsten Erinnerungen sind stets Erlebnisse, für die man sich Zeit genommen hat. Ich weiß genau, dass ich immer durchs Leben gehetzt bin, zu viel Ungeduld und Rastlosigkeit im Gepäck gehabt, zu viele Chancen verpasst, zu viele wertvolle Menschen im aufgewirbelten Staub übersehen habe.“

(Charles Kuralt)

In Japan gibt es den Begriff „Karōshi“. Dieser bezeichnet den „Tod durch Überarbeiten“. Dass es ein eigenständiges Wort dafür gibt, war mir bis vor Kurzem nicht klar. Nun werden Sie sicherlich die Berichterstattung über die junge Frau (31 Jahre), die durch massive Arbeitsüberlastung  an Herzversagen gestorben ist, mitbekommen haben. Vielleicht hat Sie das genauso erschrocken wie mich. Ursache für einen solchen berufsbezogenen Tod  ist Stress, der im schlimmsten Fall einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslöst.

Der Stressfaktor

In der (Arbeits-) Psychologie wird Stress definiert als das Überschreiten der aktuell zur Verfügung stehenden Ressourcen. Dies ist z. B. dann der Fall, wenn die Anforderungen die persönlichen Kompetenzen um ein Vielfaches überschreiten, oder wenn für die Erledigung von zu vielen Aufgaben ständig zu wenig Zeit zur Verfügung steht. Darüber hinaus können auch gewisse Bedingungen des Arbeitsumfeldes Stress auslösen. Darunter vor allem Lärm (Ist es möglich, konzentriert zu arbeiten?), die Ausstattung des Arbeitsplatzes (Habe ich alles, was ich zur Erledigung der Aufgaben brauche und funktioniert dies auch?) und das soziale Netzwerk (Gibt es Streit mit Kollegen/Vorgesetzten/ Mitarbeitern – Mobbing? Funktioniert die Kommunikation?). Doch damit nicht genug, alltägliche persönliche Stressoren kommen auch noch hinzu (private Termine oder Verpflichtungen). Temporärer Stress kann in den meisten Fällen gut kompensiert und verarbeitet werden. Chronischer Stress kann auf Dauer zu psychischen und körperlichen Schäden führen.

Typische Stresssymptome

Zu den körperlichen Anzeichen für Stress zählen: Kopfschmerzen, Verspannungen und Rückenschmerzen, Magen-/Darmprobleme, Hautreizungen, Tinnitus und Gehörsturz, Herz-/Kreislaufprobleme. Klassische psychische Symptome für Stress sind:  Schlafstörung, anhaltende Unruhe, Gereiztheit, Angst und Unzufriedenheit, chronische Erschöpfung (Burnout), Antriebslosigkeit, negative Verstimmungen sowie Depressivität.

In welcher Arbeitskultur wollen wir arbeiten?

In Japan wird gute Arbeit nicht an der Leistung, sondern an der Zahl der gearbeiteten Stunden gemessen. „Erst 80 Stunden sind Überarbeitung“ heißt es in der Frankfurter Allgemeinen. Laut Angaben sind etwa 9 Prozent der Suizide in Japan auf die Überbeanspruchung im Job zurückzuführen. NTV berichtet, dass nichtstaatliche Quellen von 10.000 Todesfällen als Folge von Überarbeitung ausgehen. Eine erschreckende und alarmierende Zahl.

Jetzt möchte ich nicht mit dem Finger auf Japan zeigen, sondern dazu appellieren, einen Blick auf den eigenen Betrieb und die eigenen Mitarbeitenden oder Kollegen/innen zu richten. Denn in Deutschland ist seit 1994 bis 2012 die Zahl der psychischen Erkrankungen um 120 Prozent gestiegen. Im Jahre 2010 gingen 11 Prozent aller Fehltage auf psychische Erkrankungen zurück. Arbeitnehmer/innen werden zusätzlich zunehmend durch Pendeln, Überstunden und ständige Erreichbarkeit belastet. Steht beruflicher Einsatz nicht mehr im Verhältnis zur Entlohnung (Lohn, Freizeitausgleich) und sozialer Anerkennung, kann dies das Aufkommen psychosomatischer Beschwerden erhöhen.

Psychological Safety

Bei einem Fachkongress in München (2017) habe ich diesen Begriff gehört und verinnerlicht. Gemeint ist damit die Fürsorgepflicht, welche die Führungsperson gegenüber ihren Mitarbeitenden hat. Im Duden wird die Fürsorgepflicht bezeichnet als die

besondere Verpflichtung des Arbeitgebers,
für den Schutz seiner Angestellten Sorge zu tragen“.

Das ist eine bedeutsame Verantwortung und sollte, angesichts der schwerwiegenden Folgen, von einer Führungskraft nicht vernachlässigt werden. Ebenfalls sollte jedoch jeder von uns, unabhängig ob Führungskraft oder Mitarbeiter/in, auf sich und seine eigene Gesundheit achten.

Wichtige Fragen

Folgende Fragen können Sie sich regelmäßig stellen, um zu überprüfen, ob Sie unter zu hohem Stress stehen:

  • Fällt es Ihnen schwer, nach der Arbeit oder am Wochenende abzuschalten?
  • Können Sie sich nicht mehr so gut konzentrieren?
  • Fühlen Sie sich öfter überfordert oder haben das Gefühl, dass Ihnen alles über den Kopf wächst?
  • Leiden Sie häufiger als sonst an Infektionen (z. B. Grippe, Erkältung)?
  • Haben Sie die Freude an Dingen verloren, die Ihnen früher Spaß bereitet haben (z. B. Treffen mit Freunden oder Familie, Hobbys und Freizeitaktivitäten)?
  • Fühlen Sie sich häufig erschöpft und ausgelaugt?
  • Reagieren Sie gereizt, wenn etwas nicht so läuft, wie Sie es sich vorgestellt hatten?
  • Leiden Sie häufiger unter Kopfschmerzen, Magenschmerzen oder Verdauungsproblemen?
  • Plagen Sie Zukunftsängste?
  • Fühlen Sie sich oft traurig oder unzufrieden?
  • Leiden Sie zunehmend an Verspannungen im Nacken oder Rücken?

Wenn Sie eine Mehrzahl dieser Fragen mit Ja beantworten müssen, sollten Sie entsprechende Maßnahmen ergreifen, um Ihrem Stress entgegenzuwirken. Hilfreich dabei sind die Fragen:

  • „Was genau belastet mich derzeit am meisten?“ bzw. „Was macht mich zur Zeit unglücklich, traurig, ärgerlich oder unzufrieden?“
  • „Was könnte mir helfen, den belastenden Zustand zu verändern?“ bzw. „Was brauche ich, um wieder glücklich zu sein?“

Mit diesen Fragen können Sie sich über Ihre Bedürfnisse, deren Befriedigung für Sie und Ihr Wohlbefinden besonders wichtig sind, bewusst werden. Ebenfalls helfen sie Ihnen, Ihre Stressoren zu erkennen und mögliche Gegenmaßnahmen herauszuarbeiten. Dies bedarf allerdings etwas Zeit und die wirkliche Beschäftigung mit sich selbst.

Daher wünsche ich Ihnen Zeit, Achtsamkeit und Ruhe, denn …

wenn der Mensch zur Ruhe gekommen ist, dann wirkt er“ (Francesco Petrarca)

 

Quellen und Vertiefungen:

Über den Autor

Jessica Drescher

Jessica Drescher ist angehende Psychologin (B.Sc. und M.Sc.) und seit Anfang 2016 bei der grow.up. Managementberatung GmbH beschäftigt. Ihr Werdegang hat sie über die Ausbildung als Gestaltungstechnische Assistentin hin zum Psychologie Studium geführt. Unter dem Dach der Arbeits- und Organisationspychologie liegt ihr Schwerpunkt dabei im Bereich der Personalpsychologie mit Integration gesundheitspsychologischer Aspekte.

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