next stop: Gelassenheit

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Seit zwei Jahren hatte ich meine Studienfreundinnen nicht mehr gesehen. Eines der langen Wochenenden haben wir deswegen endlich mal genutzt, um uns in Berlin zu treffen. Obwohl das Wetter eher schlecht und regnerisch war, haben wir jede Sekunde genossen. Es war wirklich schön, Menschen um mich zu haben, von denen ich schon beinahe vergessen hatte, wie wohl ich mich mit ihnen fühle. Am Sonntag frühstückten wir noch ausgiebig, bevor ich mich Richtung Autobahn aufmachte.

Hätte ich mal lieber den Zug genommen

Die Idee hatte offensichtlich nicht nur ich. Schon 20 km hinter Berlin der erste Dämpfer: Baustelle 5 km stockender Verkehr. Kein Problem. Das wird ja keine längere Verzögerung als 15 Minuten bedeuten. Die Musik im Radio war gut, also Augen zu und durch. Kurz vor Magdeburg: Unfall 6 km Stau. Mein Navi hatte meine Ankunftszeit inzwischen schon um 45 Minuten nach hinten korrigiert. Langsam verdunkelte sich meine Laune. Bis Hannover hatte ich alle Freunde und Verwandte abtelefoniert. Die Musik schien inzwischen auch schlechter geworden zu sein und die Sonne prallte auf mein Auto. Der erste schöne Tag am Wochenende und ich verbrachte ihn auf der Autobahn im Stau. Das nächste Nadelöhr ließ nicht lang auf sich warten… Hannover: 3 Baustellen und insgesamt 20 km Stau. Das konnte doch nicht wahr sein! Für die bisher zurückgelegten 300 km hatte ich schon über 4 Stunden gebraucht und, wenn die restlichen 200 km so weiter gehen würden, würde ich niemals zu Hause ankommen. Ich wurde langsam nervös, trommelte auf dem Lenkrad rum und überprüfte alle 2 Minuten die Verkehrsnachrichten. Inzwischen waren aus den 20 km schon 23 km Stau geworden. Na klasse!

Im Wagen hinter mir

„Das war ja eine großartige Idee. Ausgerechnet den Feiertag und Brückentag zu nutzen, um ein Wochenende in Berlin zu verbringen. Es war ja absehbar, dass es am Sonntag voll sein würde auf der Autobahn. Das mach ich nie wieder!“ Meine Ankunftszeit verzögerte sich jetzt schon um 2 Stunden. Langsam war ich nicht mehr nur schlecht gelaunt, sondern sauer. Ungefähr nach 12 km Stau guckte ich in den Rückspiegel. Hinter mir im Auto saß ein Mann, ca. 40 Jahre alt, in T-Shirt und verspiegelter Sonnenbrille. Ihm schien die ganze Warterei, im Gegensatz zu mir und allen um mich herum, rein gar nichts auszumachen. Im Gegenteil, er tanzte, sang und pfiff. Ich musste lächeln, drehte mein Radio auf und merkte, dass der Song gut war. Vor lauter Grübelei und schlechter Laune hatte ich das gar nicht mitbekommen. Aber nicht nur das. Ich hatte ganz vergessen, wie glücklich ich mich gefühlt hatte, bevor ich in Berlin abgefahren war.

Wie unfair ist das Leben wirklich?

Wahrscheinlich kennen wir alle diese Situationen. Sie begegnen uns nicht nur auf der Autobahn, sondern auch an der Kasse im Supermarkt oder am Arbeitsplatz. Situationen, die uns nerven, uns ungeduldig und wütend werden lassen. Häufig beschleicht uns das Gefühl, dass es uns unfair trifft und wir es doch eigentlich viel besser verdient hätten. Warum stehe ausgerechnet ich im Stau? Wieso habe ich mir schon wieder die langsamste Kasse ausgesucht? Weshalb gibt mein Vorgesetzter immer mir die langweiligen Aufgaben? Es ist ganz normal, dass wir uns diese Fragen stellen. Trotzdem führen sie zu nichts. Sie lassen uns unzufrieden und aufgeregt werden. Die Situation ändern wir dadurch aber nicht. Im Gegenteil, meistens machen wir sie schlimmer als sie ist.

Lassen Sie uns doch einfach die Annahme treffen, dass das Leben nicht unfair ist. Es ist einfach, wie es ist.

Was wir daraus machen, bleibt uns komplett selbst überlassen. Wenn wir es schaffen, unser Leben etwas gelassener zu nehmen, stehen die Chancen gut, dass wir eine Menge Lebensqualität gewinnen. Aber wie können wir gelassener werden ohne gleichgültig zu sein?

Abstand gewinnen

Unbeherrschbare und unangenehme Erlebnisse lassen uns nur selten los. Häufig finden wir uns in endlosen Gedankenschleifen wieder. Mit jeder Umrundung werden die Gedanken negativer und wir empfinden zunehmenden Stress. Versuchen Sie Distanz zu schaffen – physisch und psychisch. Verlassen Sie den Raum oder gehen Sie ein paar Schritte an der frischen Luft. Konstruieren Sie imaginäre Zufluchtsorte und beamen Sie sich gedanklich dorthin. Alles, was Sie zur Ruhe kommen lässt, entschärft die Situation und schärft gleichzeitig Ihren Blick für das Wesentliche. Wir neigen nur zu oft dazu, Dinge schwärzer zu malen, als sie sind. Mit dem nötigen Abstand fällt es uns leichter, rational zu bleiben.

Die Perspektive wechseln

Es kann Wunder wirken, sich in die anderen beteiligten Personen hineinzuversetzen. Wie nehmen sie die Situation wohl wahr? Denken Sie doch einmal darüber nach, wieso die anderen so handeln, wie sie handeln. In vielen Fällen gibt es gute Gründe, die nicht gleich offensichtlich sind. Ihr Kollege hat Sie nicht so freundlich begrüßt, wie er es sonst immer getan hat? Versuchen Sie sein Verhalten nicht direkt auf Sie selbst zu beziehen. Vielleicht gehen ihm andere Dinge durch den Kopf, von denen Sie nichts wissen, wie z. B. ein Krankheitsfall in der Familie, finanzielle Sorgen oder komplexe Aufgaben, die in der kommenden Woche auf ihn warten. Jeder um uns herum hat ein Päckchen zu tragen, das es ihnen manchmal unmöglich macht, aufmerksam und rücksichtsvoll zu handeln.

Etwas Selbstkritik üben

Könnte ich es selbst provoziert haben? Ist meine Reaktion angemessen oder nicht doch übertrieben? Allzu oft tragen wir selbst dazu bei, dass unsere Mitmenschen anders auf uns reagieren, als wir es uns wünschen. Ist der Vorfall es wert, dass wir uns Gedanken darüber machen oder ist er nur eine kleine Belanglosigkeit, an der wir uns aufziehen? Manchmal sind wir aufgrund einer anderen Sache unzufrieden und suchen nur ein Ventil, um unseren Frust abzulassen. Wenn Ihnen irgendetwas oder irgendjemand auf die Nerven geht, hilft es, sich selbst erst einmal zu hinterfragen. Denn Sie selbst sind die einzige Person, dessen Verhalten Sie ändern können.

Lösungen finden statt Probleme anhäufen

Keine Frage, jeder muss mal Dampf ablassen. Meckern Sie ruhig! Schimpfen Sie über die Situation, Ihren Kollegen oder Ihren Partner. Hören Sie aber dann auch wieder damit auf und konzentrieren Sie sich auf die Lösung des Problems. Was nützen Ihnen tausend Gründe, wieso etwas schief oder unbefriedigend gelaufen ist, wenn Sie es niemals ändern werden. Sie haben drei Alternativen: love it, change it or leave it. Complain about it ist keine davon.

Über den Autor

Maren Düchting

Maren Düchting unterstützt die grow.up. Managementberatung als Beraterin und Trainerin. Nach einem dualen Studium in der Automobilbranche (B. A.), spezialisierte sie sich im Master-Studium auf die Themenbereiche Wirtschaftspsychologie, Coaching und Consulting (M. A.). Vorherige berufliche Stationen waren die W. Potthoff GmbH, DEG eG sowie filmpool entertainment GmbH.

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