Wieviel Hüte haben Sie auf? – Warum Selbstführung mehr ist als Zeitmanagement

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Die Kompetenz Zeit- und Selbstmanagement wird bei Führ­ungskräften längst als selbstverständlich voraus­ge­setzt. Oft bekommen wir aber in unseren Seminaren die Rück­meldung: „Bei mir funktioniert das nicht.“ oder „Ich habe so viele Jobs gleichzeitig.“. Wir alle füllen in unserem Leben verschiedene Rollen aus, in denen wir Verantwortung übernehmen – im Beruf, wie auch im Privaten. Wir haben sozusagen täglich unter­schied­liche Hüte auf.

In Ihrem Beruf sind Sie z. B. Führungskraft, Mitarbeiter, Kollege, Betriebs­rats­mit­glied, Mitglied eines oder mehrerer Arbeitskreise. Im Privatleben sind Sie Ehemann/-frau, Vater/Mutter, Sohn/Tochter, Bruder/Schwester, Vermieter/in, Vereinsmitglied und/oder Hobby-Leichtathlet/in.

Obwohl es schlichtweg unmöglich ist, neigen wir dazu, all diesen Rollen mehr oder weniger gleichsam gerecht wer­den zu wollen. Doch die unter­schied­lichen Rollen stellen unterschiedliche, zum Teil ge­gen­­sätz­liche Anforderungen an uns, die nicht mitein­an­der vereinbar und unmöglich alle zu erfüllen sind. Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma besteht darin, die Anzahl der eigenen Lebenshüte zu reduzieren.

Die hohe Kunst des Selbstmanagement liegt demnach also nicht nur in dem beständigen Versuch, immer noch ein Stückchen effizienter zu werden, sondern auch und vor allem in der Beschränkung auf das Wesentliche – in der Vereinfachung. Denn: Weniger ist manchmal eben doch mehr!

Das Lebenshüte-Modell (nach Prof. Dr. Lothar Seiwert)

Das Prinzip der sieben Lebenshüte stammt von Zeit­ma­na­ge­ment-Guru Prof. Dr. Lothar J. Seiwert. Er beschreibt als Le­benshüte die Schlüsselrollen, die jeder Mensch im Berufs- wie im Privatleben ausfüllt.

Die Kunst besteht darin, die richtigen Lebenshüte zu fin­den und Sie auf maximal sieben zu beschränken, denn zu viele Lebenshüte rauben uns Zeit, verursachen Un­zu­frie­den­heit und Stress.

Die folgende Übung soll Ihnen helfen, sich auf die Dinge zu fokussieren, die für Sie wirklich wichtig sind. Sie kann An­stoß sein, Ihr Leben etwas oder auch völlig anders zu struk­turieren. Überprüfen Sie Ihre Lebenshüte und tren­nen Sie sich von den Modellen, die nicht zu 100 Prozent zu Ihnen passen.

Führen Sie die Übung unbedingt schriftlich durch:

  1. Teilen Sie ein DIN A4 Blatt in mindestens 12 Felder auf. Schreiben Sie in jedes Feld einen Ihrer Lebenshüte. Denken Sie dabei an alle Lebensbereiche:
    • Gesundheit und Körper
    • Arbeit, Leistung und Finanzen
    • Beziehung und Partnerschaft
    • Sinn und Werte
  1. Bewerten Sie jeden Hut (jede Rolle) mit einem entsprechenden „Smiley“: angenehm, neutral, unangenehm. Überlegen Sie da­bei genau, welche Rollen und Le­bens­hüte Sie loslassen könnten.
  1. Reduzieren Sie Ihre Lebenshüte auf maximal sieben.

Es ist gut möglich, dass Sie beim dritten Schritt in Bedrängnis kommen, weil Ihnen alle Hüte unglaublich wichtig erscheinen und glauben, ohne Sie ginge es nicht. So laden wir uns über die Zeit immer mehr auf und denken über den einen oder anderen Hut überhaupt nicht mehr nach. Wir ziehen ihn uns einfach an oder lassen ihn uns aufsetzen, egal, ob er uns überhaupt passt oder ob er unsere Be­dürf­nisse, Wünsche und Ziele tatsächlich wiedergibt.

Ohne Frage gibt es festgeschriebene Rollen, die wir nicht einfach ablegen können, wie z. B. die Führungsrolle oder auch die Rolle als Elternteil. Doch wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir uns eingestehen, dass es auch Rollen gibt, in denen wir nur Komparsen sind oder die uns unbemerkt übergestülpt wurden. Hiervon müssen Sie sich trennen, wenn Sie mehr Zeit für sich gewinnen und Ihre Leistung in einem Lebensbereich verbessern wollen.

Was ist mir im Leben wirklich wichtig?

Nachfolgend haben wir eine kleine Geschichte für Sie, die zum Nachdenken darüber anregt, was in Ihrem Leben die größte Rolle spielen sollte, und Ihnen dabei helfen kann, Ihre Lebenshüte sinnvoll zu reduzieren.

Die Krug-Geschichte (aus: Covey, Stephen R. et al., Der Weg zum Wesentlichen, Frankfurt 1997)

Eines Tages wurde ein alter Professor der französischen nationalen Schule für Verwaltung gebeten, für eine Gruppe von etwa fünfzehn Chefs großer amerikanischer Unternehmen eine einstündige Vorlesung über den sinnvollen Umgang mit der Zeit zu halten.

Zu Beginn der Veranstaltung betrachtete der Professor ruhig einen nach dem anderen seiner Zuhörer. Danach verkündete er: „Wir werden ein kleines Experiment durchführen.“ Der Professor zog einen riesigen Glaskrug unter seinem Korpus hervor und stellte ihn vor sich hin. Dann holte er etwa ein Dutzend tennisballgroße Steine hervor und legte sie sorgfältig, einen nach dem anderen, in den großen Krug. Als der Krug bis an den Rand voll war und kein anderer Stein mehr darin Platz hatte, blickte er langsam auf und fragte: „Ist der Krug voll?“ Und alle antworteten „Ja.“.

Er wartete eine Weile und fragte dann: „Wirklich?“ Dann verschwand er erneut unter dem Korpus und holte einen mit Kies gefüllten Becher hervor. Sorgfältig verteilte er den Kies über die großen Steine und rührte dann leicht um. Der Kies verteilte sich zwischen den großen Steinen. Der Professor erblickte erneut auf und fragte sein Publikum: „Ist dieser Krug voll?“ Dieses Mal begannen seine schlauen Schüler seine Darbietung zu verstehen. Einer von ihnen antwortete: „Wahrscheinlich nicht!“

„Gut.“, antwortete der Professor. Er verschwand wieder unter dem Korpus und diesmal holte er einen Eimer Sand hervor. Vorsichtig kippte er den Sand in den Krug. Der Sand füllte die Räume zwischen den großen Steinen und dem Kies auf. Wieder fragte er: „Ist dieses Gefäß voll?“ Dieses Mal antworteten seine schlauen Schüler ohne zu zögern im Chor: „Nein!“.

„Gut!“, antwortete der Professor. Und als hätten seine Schüler nur darauf gewartet, nahm er die Wasserkanne, die unter seinem Korpus stand, und füllte den Krug bis an den Rand. Dann blickte er auf und fragte seine Schüler: „Was können wir Wichtiges aus diesem Experiment lernen?“ Der Kühnste unter seinen Schülern dachte an das Thema der Vorlesung und antwortete: „Daraus lernen wir, dass, selbst, wenn unser Zeitplan schon bis an den Rand voll ist, wir, wenn wir es wirklich wollen, immer noch einen Termin oder andere Dinge, die zu erledigen sind, einschieben können“.

„Nein.“, antwortete der Professor, „Darum geht es nicht. Was wir wirklich aus diesem Experiment lernen können, ist Folgendes: Wenn man die großen Steine nicht als Erstes in den Krug legt, werden sie später niemals alle hineinpassen.“ Es folgte ein Moment des Schweigens.

Jedem wurde bewusst, wie sehr der Professor Recht hatte.

Dann fragte er: „Was sind in Eurem Leben die großen Steine? Eure Gesundheit? Eure Familie? Eure Freunde? Die Realisierung Eurer Träume? Das zu tun, was Euch Freude macht? Dazuzulernen? Eine Sache verteidigen?  Entspannung? Sich Zeit nehmen? Oder etwas ganz anderes? Was wirklich wichtig ist, ist, dass man die großen Steine in seinem Leben an die erste Stelle setzt.

Wenn nicht, läuft man Gefahr, es nicht zu meistern … sein Leben. Wenn man zuallererst auf Kleinigkeiten, den Kies und den Sand achtet, verbringt man sein Leben mit Kleinigkeiten und hat nicht mehr genug Zeit für die wichtigen Dinge. Deshalb vergesst nie, Euch immer wieder die Frage zu stellen: „Was sind die großen Steine in meinem Leben? Dann legt diese zuerst in euren Krug des Lebens.“

Lesen Sie in unserem Buch „Erfolgreiche Führung durch Selbstführung“ mehr zum Thema Selbstmanagement und wie Sie Zeit für das Wesentliche finden.

 

Über den Autor

Michael Lorenz

Michael Lorenz ist Gesellschafter und Geschäftsführer der grow.up. Managementberatung. Er arbeitet in seiner Funktion als Managementberater, Trainer und Coach. Vorher war er Geschäftsführer und Partner der Kienbaum Management Consultants GmbH und leitete den Geschäftsbereich Human Resources Management. Seit 1988 berät Michael Lorenz nationale und internationale Kunden in Fragen der Strategie, der Personalentwicklung und der Management-Diagnostik.

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