Work-Life Balance – Müssen wir zum „Glück“ gezwungen werden?

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„Manche Menschen muss man zu ihrem Glück zwingen“

Kennen Sie diesen Spruch? Neulich bin ich auf ein Video gestoßen, das in einer Kreativ-Agentur in Amsterdam aufgenommen wurde. Es zeigt, wie um 18 Uhr die Schreibtische der Mitarbeiter mitsamt den Bildschirmen und Arbeitsmaterialien in die Decke gefahren werden – der Chef der Agentur spricht dabei von „etwas zurück geben“ und Work-Life-Balance. Doch gerade durch ein auferzwungenes Ende der Arbeit frage ich mich, ob das zu den aktuellen Konzepten und Veränderungen in unserer Arbeitswelt passt. Können und müssen wir wirklich in einem bestimmten Zeitraum produktiv sein? Können die Designer in dieser Agentur wirklich immer genau von 9 bis 18 Uhr kreativ sein? Passt das Konzept zu „New Work“ oder nicht?

Was ist New Work überhaupt?

Eine Begriffsdefinition zu finden, ist nicht wirklich einfach – denn „New Work“ ist ebenso wie die Konstrukte „Führung 4.0“ und „Digital Leadership“ nicht klar umrissen. DIE Definition gibt es nicht – selbst Wikipedia erläutert den Begriff nur äußerst knapp. Betrachtet man die derzeitige Literatur und Gedankenwelt, verstehen die meisten Vordenker unter diesem Begriff strukturelle Veränderungen in unserer Arbeitswelt. Dabei geht es um veränderte und selbstbestimmte Unternehmenskulturen, Demokratie in Unternehmen, die Strukturen von Zeit & Arbeit sowie neue Arbeitsmethoden. Sicherlich kann auch Führung 4.0 als Teilaspekt von New Work gesehen werden. Der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann, welcher als Begründer des Begriffs gilt, versteht darunter das Ende des „Job-Systems“. Unter dem Job-System ist die klassische Lohnarbeit zu verstehen – Arbeits- und Lebenszeit gegen Geld. Vielen Arbeitnehmern sind heute weitaus mehr Gegenleistungen als die reine monetäre Vergütung wichtig: Freiheit, Flexibilität, Mitbestimmung und vor allem Sinnhaftigkeit.

Der harte Wind in Kreativagenturen

Zurück zu dem Video: Generell herrschen in vielen Agenturen unchristliche Arbeitszeiten – ein Bekannter von mir musste sogar oft nachts im Stundentakt seinen Wecker stellen, um bei einem Animationsfilm das permanente Rendering zu überwachen. „Ich fühle mich wie eine Melk-Kuh“, sagte er einmal zu mir.

Demnach könnte man die Idee, Zwangsarbeitszeiten für die Mitarbeiter festzulegen natürlich begrüßen. Vergleicht man nun aber die von Arbeitnehmern geforderte Flexibilität, Freiheit und Mitbestimmung aus dem Konstrukt New Work, so wirkt das „Desk-Closing“ wie ein starres Artefakt. Vielleicht gibt es unter den Mitarbeitern jemanden, der abends besonders kreativ wird und lieber später mit der Arbeit beginnt? Selbstverständlich ist der Grundgedanke hinter dem pünktlichen Feierabend, dass keine Ausbeutung der Mitarbeiter stattfindet und somit eine gewisse Work-Life-Balance möglich wird, vollkommen korrekt. Doch es kann gut sein, dass Mitarbeiter in bestimmte Produktivitätszeiten gezwängt werden, in denen sie auf Grund ihrer Persönlichkeit einfach nicht produktiv sein können.

Ich würde hier die Frage in den Raum werfen, ob nicht eine gute Unternehmenskultur für den gleichen Effekt sorgen würde – und dabei den unterschiedlichen Mitarbeitern mit ihren individuellen kreativen Zeiten mehr Flexibilität ermöglicht.

Yoga, Sport und Party statt Mac, Sushi und Smoothie

Bei der Gestaltung der Räume der Agentur wurde zusätzlich darauf geachtet, dass die Tischbeine ebenfalls beweglich sind – dadurch entsteht nach dem Hochfahren der Tische eine komplette Freifläche. Die Mitarbeiter können dann an Sportkursen im Büro teilnehmen oder dort noch etwas feiern. Ohne dass sie an den Rechner können/müssen/dürfen.

Freizeit und Arbeit unter einem Dach – das praktiziert Nike ebenso wie Google, Dropbox und auch Goodgame Studios. Doch ist ein echtes Abschalten möglich, wenn man sich noch in der Arbeitsumgebung, wenn auch ohne Arbeitsmittel, befindet? Dienen viele dieser Maßnahmen nicht nur dazu, die Mitarbeiter länger in der Firma zu behalten – sollten Sie doch noch nach Feierabend gute Ideen entwickeln? „Who am I to judge.“ – Ich habe bis jetzt nur für und noch nicht in einem Startup gearbeitet und kann mir daher kein qualifiziertes Urteil erlauben. Meine Bedenken bei diesen Gefälligkeiten für die Mitarbeiter habe ich aber dennoch.

Schutz der Mitarbeiter zum Preis von unflexiblen Arbeitszeiten

Bitten verstehen Sie mich nicht falsch – ich begrüße neue Ideen und Konzepte (die Amsterdamer Agentur hat die Schreibtische wohl schon seit 2-3 Jahren installiert, Chapeau dafür!). Doch in den letzten Jahren hat sich die Arbeitswelt wieder einmal stark verändert und ich sehe in der Begrenzung der Arbeitszeiten nur EINEN kleinen richtigen Aspekt in gesunder Arbeit. Begrüßen würde ich einen Wandel in der Unternehmenskultur – hin zu mehr Toleranz für Freiheit und Freizeit. Und das ohne den Leistungsbegriff außen vor zu lassen.

Denn wer sagt, dass alle Menschen immer nur zwischen 9 und 18 Uhr gute Leistung erbringen?

Über den Autor

Christoph Kurtzmann

Christoph Kurtzmann ist Berater, Trainer und Coach bei der grow.up Managementberatung. Nach seinem Wirtschaftspsychologie-Studium in Köln und Iserlohn (B.A. und M.Sc.) und seiner Weiterbildung als zertifizierter Business Coach arbeitet er seit 2015 bei grow.up. Vorherige berufliche Stationen waren MHP – A Porsche Company, AGRAVIS AG, Apple Retail GmbH und die Pfleiderer AG.

2 Kommentare

  1. Interessante Ansicht!

    Wobei ich das Konzept bei einer Kreativagentur schon nochvollziehen kann. Zumal Sie ja bereits seit einigen Jahren schon so arbeiten.

  2. Christoph Kurtzmann

    Danke für die Rückmeldung, Matthias!

    Der Grundgedanke dahinter ist nachvollziehbar – allerdings schaffe ich damit eine Kultur, in der Produktivität in Zeiträume gezwängt wird.
    Gleichzeitig stelle ich mir die Frage: Was, wenn Mitarbeiter später noch auf Ideen kommen? Werden Sie dann nicht trotzdem arbeiten und somit im Endeffekt vielleicht mehr arbeiten? Haben Sie dann überhaupt die Zeit & Muße, Ideen nach 18h produktiv umzusetzen?

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