Yoga am Strand, arbeiten im Pool, Feierabend auf dem Elefantenrücken

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Mal ehrlich: Wie klingt es für Sie, im Pool zu arbeiten, den Feierabend auf dem Elefantenrücken zu verbringen und den Morgen mit Yoga oder Surfen am Strand zu beginnen?

Was nach einem Traum klingt ist für Julia, Mitgründerin des WiFi Tribes und eine ehemalige Studienkollegin, tagtägliche Realität. Sie reist als „Digitale Nomadin“ quer durch die Welt und arbeitet von überall dort, wo es eine Internetverbindung gibt. Dabei leben Julia und die anderen Mitglieder des „Stammes“ (tribe [engl.] = Stamm) nicht etwa in Backpacker-Hostels, sondern in luxuriösen Villen mit Pool, ausreichend Zimmern, und einem eigenen Reinigungsservice.

Durch Zufall habe ich Julia in den sozialen Netzwerken „virtuell wieder getroffen“ und der Name ihres Projekts „WiFi Tribe“ hat mich neugierig gemacht. Um mehr darüber zu erfahren, habe ich Sie auf ein kurzes Interview eingeladen, dass ich gerne mit Ihnen teilen möchte.

1. Wie kam es zu der Idee des „WiFi Tribes“?

WiFi Tribe hat als ein ganz einfaches Ding angefangen: wir waren gefangen in der Routine eines Freelancers und wollten unser Leben komplett neu designen. Fakt ist: Zeit gegen Geld tauschen macht dich auf die Dauer nicht glücklich und wenn du gleichzeitig die Welt bereisen möchtest und von glücklichen Backpackern umgeben bist, macht es das Leben umso schwerer. Besonders, wenn du dich auf deine To-Do Liste konzentrieren musst. Von daher habe ich mich mit Diego, einem langjährigen Freund zusammengetan, der in einer ähnlichen Situation steckte und wir gründeten gemeinsam WiFi Tribe. Eine Langzeit-Reise Community für passionierte, junge Unternehmer & Freelancer, die gerne ihren Weg, ihr Wissen und Glück mit Gleichgesinnten teilen möchten.

2. Wie handhabt ihr äußere Rahmenbedingungen wie Krankenversicherung/Steuern/…?

Da wir das ganze Jahr über unterwegs sind und von einem Land ins nächste springen, zahlen wir für zwei unterschiedliche Krankenversicherungen. Einmal an die Techniker Krankenkasse und einmal in die Langzeit-Auslandskrankenversicherung der Hanse Merkur. Letztere kostet 1,15€ pro Tag ohne USA/Kanada und mit USA/Kanada 3,10€ pro Tag. Je nachdem wo ich mich gerade aufhalte, passe ich sie dementsprechend an. Was die Steuern angeht, sind wir mit WiFi Tribe in den USA gemeldet in der Form einer Delaware C-Corp und zahlen dementsprechend Steuern.

3. Habt ihr einen festen Stamm von Menschen, die mit euch herumreisen oder wechselt das?

Unsere Teilnehmer haben die Möglichkeit sich für ein Minimum von 2 Wochen anzuschließen und ab da ist das Ende offen – 4 Wochen, 3 Monate, ein ganzes Jahr. Da passen wir uns gerne an die Bedürfnisse unserer Bewerber an und geben ihnen alle Freiheit, die sie brauchen, um sich wohl zu fühlen. Damit es spannend bleibt, reisen wir alle 4-6 Wochen in ein neues Land.

4. Kann man von den anderen Co-Workern als „Kunden“ sprechen?

Eines der wesentlichsten menschlichen Bedürfnisse ist Gemeinschaft. Sich gesehen, akzeptiert, respektiert und geliebt zu fühlen von den Menschen, die uns umgeben. Genau das ist das Gefühl, das wir unseren Teilnehmern geben wollen. Wir treffen als Unbekannte aufeinander, aber wachsen als ein Tribe, eine Familie zusammen. Unsere Co-Worker sind mehr als nur Kunden. Nachdem wir einen Monat Höhen und Tiefen gemeinsam durchlebt haben, entwickeln sich lange Freundschaften. Da das Wort “Kunde” ein sehr wirtschaftlicher und rationaler Begriff ist, passt er bei uns nicht ganz in den Kontext.

5. (Wie) wachst ihr/Wie wächst eurer Konzept?

Die Idee ortsunabhängig zu Arbeiten ist für einen Großteil der Bevölkerung noch sehr neu. Viele möchten sich gerne selbst verwirklichen, ihren individuellen Traum leben und wir sind froh darüber, wenn wir sie auf diesem Weg begleiten können, Hilfestellung leisten und die perfekte Base für einen Neuanfang bieten. Je größer die Community wird, desto spannender wird es, desto mehr Services lassen sich etablieren und es ist spannend zu sehen wie sich das Konzept in Zukunft weiterentwickelt.

6. Ist das Konzept eine Antwort auf die Anforderungen der jüngeren Generation?

Viele sehen ortsunabhängiges Arbeiten als Trend an, dabei ist es viel mehr ein Wandel der Arbeitswelt aufgrund der Technologien, die uns zur Verfügung stehen. In den nächsten Jahren werden sich eine große Menge von Arbeitnehmern mit spezialisierten Dienstleistungen selbstständig machen und individuelle Nischen Services anbieten. Dabei ist es definitiv von Vorteil, ein Bein in die digitale Branche zu setzen und entsprechende Skills zu erlernen: Von wie erstelle ich eine Website, über Online Marketing, SEO, Selbstvermarktung, Fotografie, Videoproduktion, E-commerce etc. – Die Bandbreite ist riesig. Besonders im Bereich Video gibt es eine riesige Nachfrage, wenn es in Richtung 3D, die Nutzung von Drohnen, Virtual Reality gehen wird.

7. Inwiefern beeinflusst das Co-Working / Co-Living die Arbeitsergebnisse der Mitglieder?

Aufgrund des ständigen Austauschs mit Gleichgesinnten, sich Anregungen aus verschiedenen Branchen zu holen, das Zusammenkommen der unterschiedlichen Kulturen, kann ich aus meinen eigenen Erfahrungen mit unserem Tribe sagen, dass sie um einiges kreativer, aber auch entspannter sind. Herausforderungen werden gelassener angegangen, die Kreativität bleibt im Fluss. Besonders was die Freelancer & Entrepreneure angeht, ist extrem viel Wissbegier inbegriffen. Sie wollen sich stetig weiterentwickeln, neue Skills dazulernen und haben einen ungestillten Wissensdurst wie sie ihr Business auf das nächste Level heben können. Die Motivation ist eine andere.

8. Woran macht ihr die Auswahl der Orte fest?

Zum Einen gibt es Orte, die als Hotspots für ortsunabhängiges Arbeiten gelten: Berlin, Budapest, Lissabon, Prag, Tarifa, Bali, Bangkok, Chiang Mai, Ho Chi Minh City, Medellin, Rio de Janeiro und und und. Dabei spielen Kriterien wie günstiges Datenvolumen für SIM Karten, stabiles Internet, zum Heimatland vergleichsweise geringere Lebenshaltungskosten, eine gute Digital Nomad Community mit regelmäßigen Events zum Networken und Austauschen, Meer-Nähe, gute Restaurants & Cafés.. eine Rolle. Zum Anderen reisen die meisten dem Sommer hinterher und versuchen dem Winter zu entgehen. So wird oftmals Juni – Sept in Europa verbracht, ab Oktober geht’s nach Asien und ab Januar nach Südamerika. Mit diesen beiden Informationen versuchen wir den Bedürfnissen unserer Community gerecht zu werden und auch neue Länder und schöne Ecken dieser Welt zu entdecken, die bisher noch nicht als Hotspots gelistet sind. So reisen wir auch gerne mal abseits der nomadischen Trampelpfade.

9. Gibt es die Befürchtung, dass aufgrund permanenter Abwesenheit weniger Aufträge für die Freelancing Geschäfte reinkommen?

Im Gegenteil, du lernst so viele neue Menschen unterwegs kennen, dass du eher neue Aufträge ablehnen musst, weil du nicht die Zeit hast sie alle zu bearbeiten. Oder du siehst es als Chance und fängst an deine Arbeit zu outsourcen. Aufgrund dessen, dass wir uns ständig mit Gleichgesinnten umgeben, triffst du auf neue Kooperationspartner, potentielle Freelance Kunden oder einen Brain Buddy mit dem du neue Geschäftsideen verwirklichen kannst. Es bleibt immer spannend.

10. Wie seid ihr auf die Idee des Bewerbungsverfahrens gekommen? Welche Voraussetzungen müssen die Bewerber erfüllen?

Wir versuchen Charaktere zu finden, die unsere Werte teilen. Denn auf dieser Grundlage treffen wir unsere Entscheidung, ob jemand zu unserer Gruppe passt. Sowohl Werte wie Bescheidenheit, Respekt und Kameradschaft werden von unseren Teilnehmer verkörpert, als auch der Sinn nach Abenteuer und Freiheit. Wir suchen nach Leuten, die Gemeinschaft wertschätzen und daran interessiert sind ihren Teil zu der Gruppe beizutragen, um gemeinsam eine unvergessliche Erfahrung zu kreieren. Und wir suchen nach Persönlichkeiten, die mit Leidenschaft ihr Business/Projekt führen und danach streben sich ihre Träume zu erfüllen.

Nun die Frage, warum der ganze Aufwand? Weil wir sicher gehen wollen, dass jeder mit den gleichen Erwartungen und den gleichen Ambitionen Teil des WiFi Tribes wird. Ein Bewerbungsverfahren einzuführen, dass das Ausfüllen unseres Bewerbungsbogens, ein Interview und einen Probe-Besuch zu einer unserer Locations beinhaltet, schien uns am effektivsten. Demnach werden Leute auch schon mal abgelehnt.

11. Was bringt euch der WiFi Tribe persönlich?

Wir sind dabei, eine Gemeinschaft für reisende Entrepreneure und Kreative auf die Beine zu stellen, in der die Menschen sich gegenseitig unterstützen und in den Erfolg und das Glück der Anderen investieren. Es geht nicht nur darum den Moment zu schaffen, sondern eine langfristige Gemeinschaft. Die Idee ist, dass sobald du unsere Teilnehmer getroffen, Teil des Tribes geworden bist, immer wieder und zu jeder Zeit zurückkommen kannst.

WiFi Tribe ist die Lösung nach der wir persönlich als ortsunabhängige Freelancer gesucht haben und hoffen, dass viele andere es ähnlich sehen. Du musst nicht auf eine Gemeinschaft verzichten nur weil du reist. Umgib dich mit Leuten, die deine Werte und Grundeinstellung teilen und sie reisen mit dir.

Über den Autor

Christoph Kurtzmann

Christoph Kurtzmann ist Berater, Trainer und Coach bei der grow.up Managementberatung. Nach seinem Wirtschaftspsychologie-Studium in Köln und Iserlohn (B.A. und M.Sc.) und seiner Weiterbildung als zertifizierter Business Coach arbeitet er seit 2015 bei grow.up. Vorherige berufliche Stationen waren MHP – A Porsche Company, AGRAVIS AG, Apple Retail GmbH und die Pfleiderer AG.

2 Kommentare

  1. Hi Christoph,
    danke für das spannende Interview! Toll finde ich, dass es dem WiFi Tribe gelingt, zwei grundlegend menschliche Bedürfnisse zu befriedigen: das Wahrgenommenwerden durch die Community und die Struktur, die das Leben in einer Gruppe mit sich bringt. Das erscheint mir wichtig, wo doch ein Leben als Digitaler Nomade nicht nur Traumstrände und Freizeit mit sich bringt, sondern auch die ganz „normalen“ Anforderungen und Unwägbarkeiten der modernen, vernetzten Arbeitswelt.
    Herzliche Grüße,
    Patrik

    • Christoph Kurtzmann

      Hi Patrik,

      schön, dass es dir gefallen hat! Warst du selbst bereits Teil des WiFi Tribes oder anderen Gruppen digitaler Nomaden? Wie gehst du sonst in deinem Alltag mit den Anforderungen der modernen, vernetzten Arbeitswelt um?

      Beste Grüße,

      Christoph

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