Persönlichkeitsorientierte Kommunikation. Oder: Wie kritisiere ich Herrn Mohammadi?

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Neulich im Seminar sprach ich mit Führungskräften von Flüchtlingsheimen über Regeln der Gesprächsführung und den Aufbau von Kritikgesprächen. Dabei kam die Frage auf, wie Kritik gegenüber Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund adäquat geäußert werden könnte. Die Frage ist nicht trivial, denn unterschiedliche kulturelle Prägungen formen auch die Erwartungen an eine bestimmte Art und Weise der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Ein wenig Kulturtheorie vorab…

Die Erforschung der Frage, inwiefern Arbeitswerte kulturell beeinflusst sind, hat sich der niederländische Kulturtheoretiker Geert Hofstede zur Lebensaufgabe gemacht. Nachdem er unzählige Fragebögen von Mitarbeitenden auf der ganzen Welt ausfüllen ließ, konnte er sechs verschiedene Kulturdimensionen extrahieren, anhand derer Kulturvergleiche auf Länderebene vorgenommen werden können. Unter Berücksichtigung unserer Eingangsfrage nach der kultursensiblen Kommunikation möchte ich Ihnen eine der sechs Dimensionen einmal genauer vorstellen: nämlich Individualismus.

(Informationen zu den weiteren Kulturdimensionen finden Sie bei Interesse auf https://geert-hofstede.com/)

Deutschland hat hinsichtlich der Kulturdimension Individualismus eine sehr hohe Ausprägung. Das ist gleichzusetzen mit einer Präferenz für ein eher lose gestricktes Sozialgefüge, innerhalb dessen sich die Menschen primär auf sich selbst und die engste Familie fokussieren. Loyalität im Arbeitskontext basiert vordergründig auf einem Pflicht- und Verantwortungsempfinden, das in Deutschland mehr oder weniger durch den Arbeitsvertrag geregelt wird. Mit dem hohen Individualismuswert einhergehend ist auch die Art und Weise der Kommunikation, die in Deutschland so direkt ist, wie in kaum einem anderen Land – auch Kritik wird nach dem Motto „Ehrlichkeit, auch wenn sie wehtut“ geäußert.

Sehen wir uns im Gegenzug einmal Iran an. Iran hat einen relativ geringen Individualismuswert und wird deshalb auch als kollektivistische Gesellschaft bezeichnet. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschen eine starke Verpflichtung und Verantwortung gegenüber den Mitgliedern der Gruppen, denen sie angehören, empfinden – das umfasst auch entferntere Beziehungen über die Familie hinaus, wie z. B. zum Arbeitgeber und den Kollegen. Loyalität ist von zentralem Wert und steht über anderen gesellschaftlichen Regeln. Aufgrund des stark verwobenen Beziehungsgeflechts führt (insbesondere öffentliche) Kritik zu starken Schamgefühlen und Gesichtsverlust.

Wir sind so und ihr seid so – Willkommen in der Welt der Vorurteile.

Was ist daraus nun die Konsequenz hinsichtlich unserer kultursensiblen Kommunikation in Kritikgesprächen? Mit Deutschen ehrlich und hart – mit Iranern durch die Blume? Irgendwie erscheint mir das zu einfach, stereotypisch und vorurteilsbehaftet. Denn als Psychologin und Deutsche weiß ich ganz genau, dass nicht deutschlandweit alle Menschen gleich gut mit Kritik umgehen können. Der eine wird aggressiv und fängt an zu streiten, die Nächste ist verletzt und zieht sich still zurück, am Übernächsten perlt die Kritik ganz und gar ab. Das zeigt doch, dass es bereits innerhalb eines Kulturkreises eine undenkbar große Variation hinsichtlich des Umgangs mit Kritik gibt (wobei dahingestellt sein mag, ob sich Hamburger und Münchner tatsächlich im selben Kulturkreis bewegen…).

Wirksame Kommunikation: persönlichkeitsorientiert.

Natürlich gibt es gewisse kulturelle Regeln, an die es sich in interkulturellen Gesprächssituationen zu halten gilt, wie z. B. dass öffentlicher Körperkontakt zwischen Männern und Frauen für Personen des „arabischen Kulturkreises“ eher unüblich ist. Sicher ist auch, dass es kulturelle Tendenzen in Hinblick auf Direktheit und Indirektheit der Kommunikation gibt. Dennoch lohnt es sich, genauer hinzuschauen und zu verstehen, was für eine Person, was für ein Individuum mir momentan im Gespräch gegenübersitzt. Warum sollte ich Kritik lediglich aufgrund der Herkunft einer Kollegin oder eines Kollegen nur oberflächlich andeuten, wenn dieselbe Person normalerweise extravertiert, laut und durchaus kritisch hinterfragend auftritt?

Eine persönlichkeitsorientierte Kommunikation setzt logischerweise das Bewusstsein über die  Beschaffenheit der Persönlichkeit Ihrer Mitarbeitenden voraus. Mit diagnostischen Instrumenten, wie dem Reiss Profile oder Insights Discovery, fällt es leichter, unterschiedliche Persönlichkeiten und Kommunikationsbedürfnisse zu verstehen.

Wir unterstützen Sie gern dabei! Nähere Informationen finden Sie auf unserer Website.

About Author

Juliane Gäbert

Juliane Gäbert ist Psychologin (M.Sc.) und arbeitet seit 2015 als Beraterin und Trainerin bei der grow.up. Managementberatung. Während ihres Studiums mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Interkulturelle Psychologie sowie im Rahmen diverser Auslandsaufenthalte war sie bereits im Consulting und der Personalentwicklung tätig, u. a. für die Deutsch-Thailändische Handelskammer, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und die Meta Design AG.

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