Interview mit Stefan Brombach: „Mein Beruf ist kein McJob sondern Leidenschaft“

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Stefan Brombach ist Associate Partner der grow.up. Managementberatung und als Trainer, Berater und Coach im Einsatz. In seinem Interview spricht Herr Brombach darüber, wie existenzielle Erfahrungen ihn prägten und dass sein Job kein „McJob sondern Leidenschaft“ ist. Außerdem erzählt er von spannenden Büchern, die nicht nur Berater im Leben weiterbringen können.

1. Stefan, was waren deine Beweggründe, Berater zu werden?

In einem Buch von Paul Watzlawick zitierte dieser den Satz: „Kühner als das Unbekannte zu erforschen, kann es sein, das Bekannte zu bezweifeln.“

Man könnte meinen, dieser Satz sei mein Lebenscredo, denn ich habe auf meinem beruflichen Weg immer wieder das scheinbar Bekannte, das vermeintlich Richtige, das von Anderen angebotene Wahre und Wirkliche in Frage gestellt und nach meiner ganz persönlichen Wahrheit, nach meinem persönlichen Weg gesucht. Ich mag Manchem gefolgt sein, doch wollte ich nie in die Fußstapfen eines Anderen treten. Und solange ich zurückdenken kann, beschäftige ich mich mit der bunten und prallen Vielfalt dieser Welt und der in ihr lebenden Menschen. Als ein Befürworter neuer und kreativer Betrachtungs- und Denkweisen halte ich es damit ebenso wie Vera F. Birkenbihl, die mir in meinem Beruf als Trainerin ein großes Vorbild geworden ist. Ich sehe den Menschen als ein Bewusstseinswesen, der als Bestandteil dieser Welt konsequent in der Verantwortung steht. Und um dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist für mich die vielzitierte griechische Inschrift des Orakels von Delphi „Gnothi seauton“ – „Erkenne Dich selbst!“ sowohl eigene Aufgabe wie auch Auftrag. So verlief mein beruflicher Weg über verschiedene Stationen in der Wirtschaft, u.a. als Entwicklungsingenieur, Projektkoordinator, Keyaccount- und Anforderungsmanager bis hin zum Berater. Eine Nahtoderfahrung und meine systemische und existenzanalytische Ausbildung, die auf dem logotherapeutischen Ansatz Viktor E. Frankls beruht, brachten mich noch ein Stück näher an meine Berufung: die Beratung auf ein sinnvoll gestaltetes Leben hin. Und dies schließt ja das berufliche Leben mit ein. Insofern kann ich gar nicht sagen, ich habe diesen Beruf im Sinne einer bewussten Karriereplanung gewählt, sondern ich habe ihn auf meinem bisherigen Lebensweg gefunden. Und dass ich hier genau richtig bin, das habe ich mehrfach von Seminarteilnehmern gespiegelt bekommen: „Man merkt Dir/Ihnen an, dass Du/Sie die Menschen und das, was Du/Sie tust/tuen wirklich liebst.“ Kein McJob, sondern Leidenschaft.

2. Was macht deinen Job in deinen Augen interessant?

Als Berater arbeite ich Tag für Tag mit Menschen und ihren Themen. Dabei fasziniert mich, in jedem Moment, in jedem Projekt, in jeder scheinbar sachlichen Herausforderung und in jedem begleiteten Konflikt mit den beteiligten Menschen das „specificum humanum“, wie Frankl es nannte, zu suchen. Dieses spezifisch Menschliche ist nämlich immer wieder die Frage nach Sinn und Wert des Lebens; und damit auch nach Sinn und Wert einer Aufgabe, einer Change-Maßnahme, Strategie oder Qualifikationsmaßnahme. Denn erst diese menschliche Sinnfrage ist es, welche die Fähigkeit beinhaltet, vorgegebene Antworten – aus „alten Gehirnen“ – zu hinterfragen und sein Menschsein – für die Zukunft – in eigener Verantwortung zu übernehmen und zu gestalten. Menschen in ihrem „geistigen Ringen“ um einen guten, und auch noch in 20 Jahren oder eines Tages an der Himmelstür auch rückblickend bejahenswerten Weg zu unterstützen, ist der Motor, der mich antreibt. Und diese Arbeit ist so spannend und interessant, wie das Leben selbst.

3. Wie motivierst du dich, wenn du mal einen Durchhänger hast?

Ich kenne den Zustand des „leeren Akkus“ und der resultierenden Kraftlosigkeit aus persönlicher Erfahrung. Wenn ich mich überfordert habe, mir keine bewusste Zeit für Müßiggang und Erholung nehme und in ein Hamsterrad gerate, dann begegnet mir das. Doch einen Durchhänger im Sinne einer Lustlosigkeit kenne ich nicht wirklich. Mein Beruf und die Art und Weise, wie ich ihn lebe und gestalte, erfüllt mich. Die stille Anspannung vor einem Seminar – auch nach vielen Jahren der Erfahrung, die Freude, dem eigene Anspruch an Wachheit, Klarheit und Qualität in der menschlichen Begegnung gerecht zu werden: All dies macht für mich Sinn und gibt mir Kraft. Und sollte sich doch einmal so ein Moment einschleichen, dann sind mir oft die Worte aus „Jeder Tag – ein Leben“, dem Buch des ersten UN-Generalsekretärs, Dag Hammarskjöld, tiefer Wegweiser und Inspiration.

4. Welche drei Dinge helfen dir, deinen Beruf zu erfüllen?

Freigeistigkeit – sich eine geistige Unabhängigkeit erarbeitet zu haben.
Mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, mit seiner Seele angebunden sein an etwas, das Größer ist als man selbst und mit seinem Geist wach und aufmerksam im Hier und Jetzt.
Unternehmensentwicklung an sich und menschliche Entwicklungsprozesse (wie z.B. im Coaching) sind immer ein „Drama“. Die Kenntnis und die persönliche Erfahrung der Dramen menschlicher Existenz, der Tragödie, Komödie und Tragikomödie, helfen sehr, diese Prozesse bei anderen Menschen und in Organisationen zu begreifen und förderlich zu unterstützen.

5. Sind zur Ausübung deiner Tätigkeit spezielle Vorbildungen / Ausbildungen / Studiengänge o. Ä. notwendig?

Für mich persönlich gilt: Niemand braucht so viel Beratung wie Berater! Soll heißen: Ein Berater, der aufhört, sich selbst zu hinterfragen, der aufhört, sich selbst auf die Schliche zu kommen, der seine eigenen Abgründe nicht mehr reflektiert und seiner persönlichen Hybris anheim fällt, der hört auf, gut zu sein. Es sind für mich also weniger spezielle Ausbildungen, die einen guten Berater ausmachen, auch wenn ich eine fundierte fachliche Ausbildung für notwendig erachte. Vielmehr sind es die Erfahrungen der eigenen Begrenztheit und der eigenen Fallen – und die dürfen und sollten auch durch gute Ausbildungen, Fortbildungen und Supervisionen intendiert und initiiert sein –, die einen Berater permanent in der „Läuterung“ halten. Der vorbehaltlos offene und auch lösungsoffene Blick und die demütige Haltung vor dem, was sich im Beratungskontext zeigt, wollen geübt sein.

6. Wenn du grow.up. in drei Wörtern beschreiben müsstest, welche wären das?

Profession, professionell, produktiv.

7. Womit verbringst du deine Freizeit?

Ich bin Berater, Ehemann, Vater zweier toller Kinder, Haus- und Grundbesitzer, da will der Begriff „Frei-Zeit“ vielleicht ein wenig anders definiert werden. Generell lässt sich sagen, dass ich mich darum bemühe, einen angemessenen Ausgleich zwischen geistiger und körperlicher Arbeit hinzubekommen. Meine Jungs sind mir da eine Quelle der Freude und gleichzeitig auch Herausforderung. Mal ein Fahrrad zu reparieren und gleichzeitig das Know-how zu vermitteln, es selbst zu tun; mal die Aufgabe, ihnen Zug um Zug den Umgang mit Freischneider, Rasenmäher, Holzspalter und sonstigem nicht ungefährlichen Gerät näher zu bringen und ihren Stolz zu erleben, wenn sie dann bei den vielfältigen Aufgaben in Haus und Hof kraftvoll mittun können und wollen. Auch ziehe ich mich nach Seminar- und Beratungstagen gerne mal zurück und arbeite dann selbst viel körperlich. Beim Holzhacken und der Arbeit in Wald und Flur verliere ich jegliche Anspannung und bin konzentriert im Hier und Jetzt. Ich nenne das dann „männliche Meditation“. Ansonsten beschäftige ich mich gerne mit den nicht endenden Aufgaben der Restauration eines alten Fachwerkhauses, in welchem keine Wand gerade, kein Boden eben ist und hinter jeder Ecke eine neue Überraschung wartet. Dieses Haus ist eine meiner Lebensaufgaben. Es wird niemals perfekt sein, es hat Unfertiges, Zerfallenes, Restauriertes, Unentdecktes und viel Schönes. Es ist für mich zum Synonym und zum begreifbaren Objekt für den Unterschied zwischen Image und Charakter geworden. Ansonsten liebe ich die Natur, natürlich das Meer, die Berge und bin gerne draußen.

8. Wer ist dein Vorbild?

Vorbilder, wenn man so will, sind für mich all jene Menschen, die mich inspirieren und zum eigenen Tun anregen. Da ist z.B. die Leidenschaft, mit der Vera F. Birkenbihl ihre Arbeit tat, der Ausdruck der eigenen Erfahrung und die Seele, mit der Leonhard Cohen seine Lieder singt, die tiefe Spiritualität, mit welcher Dag Hammarskjöld als 1. UN-Generalsekretär seine Management- und Führungsarbeit getan hat, die Einfachheit Eckhard Tolles, den gesellschaftlichen Weitblick Rudolf Steiners, den reflektierten und entwicklungsorientierten Unternehmergeist des dm-Gründers Götz W. Werners, die Klugheit und das vernetzte Denken Prof. Peter Kruses, um wenigstens ein paar meiner vielen inspirierenden Quellen zu nennen.

9. Welches ist dein Lieblingsbuch?

Coveys „Sieben Wege zur Effektivität“ gehört sicherlich zu meinen Favoriten. Ich habe es mehrfach gelesen. Das was er dort in businesstauglicher Sprache zusammengetragen hat, ist grandios – wenn auch nicht einfach. Es braucht mehr als ein oberflächliches Lesen, dann aber kann es lebensverändernd sein. Insofern ist es auch ein „gefährliches“ Buch. Covey zitiert in diesem Buch u.a. auch Frankl, was für mich damals auch der Auslöser war, mich eingehend mit der 3. Wiener Schule der Psychologie – neben Freud und Adler – auseinander zu setzen. Und so nenne ich Covey immer auch in einem Atemzug mit Frankls „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. In dem Erlebnisbericht und Bestseller von Viktor E. Frankl findet sich ja auch die Grundlage für Frankls existenziellen und sinnzentrierten Ansatz. Und dann wäre da auch noch Dag Hammarskjölds Tagebuch, in welchem seine Suche nach Sinn und Erfüllung in den sehr herausfordernden Aufgaben seines beruflichen Lebens als UN-Generalsekretär sichtbar wird.

10. Auf welche drei Dinge kannst du auf keinen Fall verzichten?

Das sind auf jeden Fall meine Kinder, denn sie sind für mich die größte Herausforderung, die größte Anstrengung, Quelle der Freude und das größte Geschenk, was ich im Leben bekommen habe. Meine Frau. Partnerin auf Augenhöhe, Inspiratorin zu wechselseitigem persönlichen Wachstum und vor allem die „beste Mutter“ unserer Jungs. Doch am aller wenigsten kann ich darauf verzichten, ein freier Mensch zu sein und zwar in dem Sinne, wie Albert Schweizer es einmal postuliert hat.

Ein freier Mensch

Ich will unter keinen Umständen ein Allerweltsmensch sein.
Ich habe ein Recht darauf, aus dem Rahmen zu fallen – wenn ich es kann.
Ich wünsche mir Chancen nicht Sicherheiten.
Ich will kein ausgehaltener Bürger sein,
gedemütigt und abgestumpft, weil der Staat für mich sorgt.
Ich will dem Risiko begegnen, mich nach etwas sehnen und es verwirklichen,
Schiffbruch erleiden und Erfolg haben.
Ich lehne es ab, mir den eigenen Antrieb mit einem Trinkgeld abkaufen zu lassen.
Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens entgegentreten,
als ein gesichertes Dasein führen;
lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolgs,
als die dumpfe Ruhe Utopiens.
Ich will weder meine Freiheiten gegen Wohltaten hergeben,
noch meine Menschenwürde gegen milde Gaben.
Ich habe gelernt, selbst für mich zu denken und zu handeln,
der Welt gerade ins Gesicht zu sehen und zu bekennen,
dies ist mein Werk.
Das alles ist gemeint, wenn wir sagen: Ich bin ein freier Mensch.

(Albert Schweitzer)

Stefan, vielen Dank für das Interview!

Haben Sie schon auf unserer Homepage vorbeigeschaut? Dort erhalten Sie auch weitere Informationen über Herrn Brombach!

Über den Autor

Stefan Brombach

Stefan Brombach ist Associate Partner der grow.up. Managementberatung und als Trainer, Berater und Coach im Einsatz. Sein beruflicher Weg hat ihn über verschiedene Stationen in der Wirtschaft, u. A. als Entwicklungsingenieur, Projektkoordinator, Keyaccount- und Anforderungsmanager bis hin zum Berater geführt.

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