Potenzialerkennung bei Experten – Teil 3/3: Methoden zur Ermittlung von Expertenanforderungen

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Mit Hilfe welcher Methode lassen sich Expertenanforderungen am besten ermitteln?

Mittel und Wege, um ein Anforderungsprofil zu erstellen, gibt es viele: Expertenbefragung, Repertory Grid Technik, Senariotechnik, standardisierte Fragebögen, wie der Fragebogen zur Arbeitsanalyse (FAA), usw. Doch nicht alle sind gleichermaßen geeignet, um Fachkarriereanwärter in der Unternehmenspraxis zu identifizieren.

Eine Methode, die sich als methodischer Zugang zu Anforderungsanalysen und Kompetenzmodellen besonders bewährt hat, ist die sog. Critical Incident Technique, kurz CIT. Sie dient dazu, bedeutsame Eigenschaften und Verhaltensweisen für die erfolgreiche Ausübung einer Tätigkeit zu identifizieren. Diese Beobachtungen werden „critical Incidents (CI)“ (zu Deutsch kritische Ereignisse) genannt. CI sind demnach typische und wichtige Arbeitssituationen, in denen sich leistungsstarke von leistungsschwachen Personen eindeutig in Ihrem Verhalten unterscheiden. Eine Arbeitssituation ist typisch, wenn sie im Arbeitsalltag häufig bzw. regelmäßig auftritt. Eine Situation ist wichtig, wenn sie für gute oder weniger gute Leistung im Arbeitsalltag entscheidend ist.


Teil 1 – Was zeichnet Fachexperten eigentlich aus?
Teil 2 – Anforderungen an Fachexperten

Die von J. C. Flanagan entwickelte Methode besteht aus 4 Arbeitsschritten: In einem ersten Schritt werden die für Fachexpertenpositionen kritischen Ereignisse und Verhaltensweisen gesammelt. Hierzu werden die für die Stelle relevanten Personengruppen, z. B. aktuelle Stelleninhaber, Arbeitskollegen, Vorgesetzte und Kunden, danach befragt, welche kritischen Situationen es in den Zielpositionen gibt. Im zweiten Schritt wird die Relevanz der berichteten Ereignisse beurteilt. Hierzu werden die entsprechenden Personengruppen gebeten zu beurteilen, wie häufig die Ereignisse stattfinden und wie wichtig sie ihnen erscheinen. Für die kritischen Situationen wird erfragt, welche Verhaltensweisen zu einem erfolgreichen Umgang mit diesen Situationen führen. Also was jemand tut, um die Situation zu einem guten Ergebnis zu führen. Im dritten Schritt werden die erfolgreichen Verhaltensweisen für die am häufigsten vorkommenden und wichtigsten kritischen Ereignisse zu Anforderung gruppiert. Diese Anforderungen ergeben dann das Anforderungsprofil. Relevante Personen, die nicht an der Profilerstellung beteiligt waren, sollten dieses anschließend in einem vierten und letzten Schritt auf Vollständigkeit prüfen.

Potenzialerkennung bei Experten_CIT

Das so entwickelte Anforderungsprofil kann genutzt werden, um zu überprüfen:

  • wo im Unternehmen überhaupt Experten sitzen.
  • in wie weit potenzielle Fachexperten den Expertenstatus erfüllen.
  • in welchen Kompetenzfeldern identifizierte Experten noch gefördert werden können.

Mit Hilfe der herausgearbeiteten kritischen Situationen können Sie ein Assessment entwickeln, um Fachexperten zu identifizieren.

Die Vorteile der CIT liegen für Sie als Führungskraft oder Personaler zum einen im geringen Aufwand und der flexiblen Anwendbarkeit. Sie können die Technik gut mit anderen Methoden, wie Workshops, Interviews und Fragebögen kombinieren. Zum anderen genießt die Methode eine hohe Akzeptanz, weil sie den Stelleninhaber und sein Verhalten in den Mittelpunkt der Analyse stellt. Durch Befragungen der entsprechenden Personen können Sie sehr viele Informationen zur Stelle oder Position sammeln, die Sie dann auch für den weiteren eignungsdiagnostischen Prozess umfangreich nutzen können. Insbesondere für die Ermittlung von Anforderungs- bzw. Kompetenzprofilen ist die CIT daher sehr gut geeignet.


Fazit

Unsere Ausführungen haben gezeigt, dass die Anforderungen an Fachexperten ebenso vielfältig sind wie jene, die an Führungskräfte gestellt werden. Ihr (Fach-)Wissen alleine macht sie noch nicht zu Fachexperten. Vielmehr verlangen die heutigen wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Entwicklungen nach einem in übergreifenden (Problem-)Lösungen denkenden, kontakt- und überzeugungsstarken Experten, der Freude hat, sein Wissen an andere weiterzugeben. Viel zu häufig kämpft diese Mitarbeitergruppe jedoch noch gegen den Stereotyp des introvertierten Forschers, der abgewendet von der Welt im stillen Kämmerlein alleine und ungestört vor sich hin tüftelt. Sie müssen also genau hinsehen, um diese Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen aufzuspüren. Denn nur, wenn Sie Ihre Fachexperten erkennen und ihnen ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechende Entwicklungschancen bieten, sind Sie in der Lage, die Person selbst sowie ihr wettbewerbsentscheidendes Wissen langfristig an Ihr Unternehmen zu binden und sich im war for talents gegenüber Ihren Wettbewerbern zu behaupten.

Bei weiterführenden Fragen freuen wir uns, wenn Sie auf uns zukommen.

Über den Autor

Nora Haager

Nora Haager, seit 2014 Beraterin, Trainerin und systemischer Coach bei der grow.up. Managementberatung GmbH, ist studierte Psychologin (M.Sc.) mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Personalpsychologie. Vor grow.up. war sie in der Personal- und Führungskräfteentwicklung bei der Fraport AG sowie der internationalen Führungskräfteentwicklung bei der Porsche AG tätig. Darüber hinaus arbeitete sie bereits während ihrer Studienzeit als freiberufliche Trainerin und Coach.

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