„Spiritualität und Führung“ oder „Führung und Spiritualität“?

0

Welche Bedeutung hat Spiritualität im Führungskontext und ist Spiritualität eine notwendige Führungskompetenz?

Man wird nicht erleuchtet in dem man sich Figuren aus Licht vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst wird.
Carl Gustav Jung

Sicherlich kennen auch Sie viele Führungskräfte, die von sich behaupten, nichts mit Spiritualität zu schaffen zu haben. Die Spiritualität mitunter sogar in eine welt- und wirtschaftsferne oder aber in eine rein religiöse Ecke schieben. Mein persönlicher Blick auf diese Kompetenzdimension ist ein anderer, deutlich weiter gefasster Rahmen. Ich verstehe Spiritualität ganz im Sinne Viktor Emil Frankls als einen Zugang zu einer transpersonalen, d.h. zu einer über mich als Individuum herausreichenden Dimension unserer Existenz.

Diese Dimension kann ich nur als Evidenz, also als etwas Unmittelbares und dem eigenen Augenschein nach Unbezweifelbares, in meinem inneren Dunkel und für mich selbst wahrnehmen. Sie ist nicht lehrbar, fußt auf persönlicher Erkenntnis und beeinflusst die innere Geisteshaltung. Diese innere Geisteshaltung eines Menschen jedoch bildet das Fundament bzw. den inneren Ort, von dem aus ein Mensch in seinem Leben handelt. Und dies ist für mich besonders im Kontext von Führung von wesentlicher Bedeutung. Lassen Sie mich Ihnen nahe bringen, warum gelebte Spiritualität letztlich auch einen Indikator für die innere Reife und Zukunftsfähigkeit einer Führungskraft darstellt.

Wer als Führungskraft über eine spirituelle Geisteshaltung verfügt, der richtet sich in seinem ganzen Tun auf etwas aus, das über die persönlichen und Ich-zentrierten Wünsche, die eigenen Begrenzungen wie auch die damit verbundenen Denk- und Verhaltensmuster hinaus reicht. Der frühere UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (1905-1961) war solch eine herausragende Führungskraft. Und sicherlich gehören Nelson Mandela, Martin Luther King oder auch Mutter Theresa zu ihrer Zeit in diese Kategorie von Lichtgestalten in Führungspositionen. Sie verfügten über einen inneren Kompass, der ihnen im Feld der Widersprüchlich- und Mehrdeutigkeiten (Ambiguitäten) und vielfältigen Erwartungen anderer Menschen eine klare Richtung mit einem ungetrübten Blick auf das größere Ganze ermöglichte. Diese zukunfts- und lebensförderliche Geisteshaltung beschreibt genau die Polarität zum „Trumpismus“, auch einer klaren Richtung, aber nur mit einem Blick der ausschließlich wieder auf sich selbst gerichtet ist.

Die Stellung gibt dir nie das Recht zu befehlen. Nur die Schuldigkeit, so zu leben, dass andere deinen Befehl annehmen können, ohne erniedrigt zu werden.
Dag Hammarskjöld

Sie sehen, von der inneren Geisteshaltung hängt es ab, wie Führung seitens einer Führungskraft gelebt, aber auch als Mitarbeitender erlebt wird. Ganz analog legt es Claus Otto Scharmer im seiner „Theorie U“ dar. Es reicht eben nicht aus, Farben, Leinwand und Pinsel bereit zu stellen und einen Malkurs zu besuchen, um ein guter Maler zu werden. Das Kennen i.S.v. rationalem Wissen und das Können i.S.v. methodischer Kompetenz, genügt nicht. Und in unseren modernen Zeiten wird dies immer schneller und klarer sichtbar. Es reicht bei weitem nicht mehr aus, Fach- und Methodenkompetenzen für Führung zu erwerben, ohne parallel dazu auch die eigene emotionale und spirituelle Intelligenz konsequent und nachhaltig zu entwickeln.

Trump and Clinton, from the viewpoint of the millennial generation, represent everything that’s wrong with America. Trump embodies everything that is wrong with our culture. Clinton embodies everything that’s wrong with our politics. And both of them embody everything that’s wrong with our economy.
Our collective blind spot reflects paradigms of thought that legitimize all three major divides: the economic divide, the political divide, and the cultural-spiritual divide.
Claus Otto Scharmer

Mit spiritueller Intelligenz verringern Sie Ihren „Blind Spot of Leadership“, bekommen eine höhere Mündigkeit und entwickeln eine stärkere innere Unabhängigkeit. Und diese Unabhängigkeit stellt den Gegenpol zu den im Führungskontext häufig zu beobachtenden Aspekten des Konformismus („Ich tue das, weil es alle anderen auch tun.“) und des Totalitarismus („Ich tue das, weil es andere von mir so wollen.“) dar, wie es auch V. E. Frankl bereits vor Jahrzehnten beschrieb.

Es verwundert nicht, dass erst in der heutigen Zeit unter dem Druck des Zeitgeistes und der bestehenden Herausforderungen an Führungskräfte, das konkrete Angebot für diese Zielgruppe in dieser Hinsicht wächst und zukunftsorientierte Unternehmen (dm, Hilti, Malteser Deutschland, GLS-Bank u.a.) diesen Entwicklungsbereich in ihr Selbstverständnis und in ihre Personalentwicklungskonzepte integrieren.

Denn der „innere Ort“, der Platz von dem aus eine Führungskraft in der Herausforderung des täglichen Führungshandelns und innerhalb der komplexer werdenden Kontexte einer Organisation handelt, wird immer wichtiger, sogar existenzieller. Wir brauchen Führungskräfte, die ihre innere Orientierung auch bei äußerer Volatilität, Disruptivität und beschleunigtem Wandel behalten. Führungskräfte, die in der Lage sind, im Veränderungssturm digitaler Transformation das „Spezifikum Humanem“, den Menschen und die Welt, die uns umgibt, ja die einzigartige Schöpfung, immer mit im Blick zu behalten. Und genau dafür braucht es jene Dimension über die eine KI (Künstliche Intelligenz) eben gerade niemals verfügen können wird – die spirituelle Dimension. Sie wird in Zukunft das sein, was uns Menschen noch Bedeutsamkeit verleihen wird, wenn unsere rationale und sogar emotionale Intelligenz zunehmend durch KI abgebildet werden wird. Es erscheint bereits heute evident und durchaus sinnvoll, dass KI in ganz viele Bereiche unsers alltäglichen Lebens Einzug halten wird, doch was immer KI in diesen spezifischen Feldern für uns tut, es bedarf Menschen, die diese rein wissenschaftlich-rationalen (binären, polaren, statistischen) Logiken von einem „höheren Ort“ aus im Sinne und zum Nutzen der „mehr als menschlichen Gemeinschaft“ beeinflussen.

Die dafür notwendige Fähigkeit heißt Bewusstheit, heißt „ganz Gewahr sein“ und ist eine Kompetenz jenseits des rationalen Wissens und polarer Logik. Claus Otto Scharmer nennt es den Zustand des „Presencing“ (Presence&Sensing), spirituelle Lehrer und Meister nennen es „inner awareness“ oder „non dual thinking“. Egal aus welcher Richtung ich darauf schaue, es geht im Kern immer darum, nachhaltig präsent, d.h. im Hier und Jetzt und gleichzeitig hin- und mitfühlend zu sein, ohne die Fähigkeit rationalen Denkens dabei aufzugeben oder sich im Mitleid zu verlieren und handlungsunfähig zu werden.

Einer der Stolpersteine auf dem Weg zu mehr „Spiritualität im Business“ ist, dass viele Menschen meinen, sie würden zu viel verlieren oder sie müssten etwas aufgeben, wenn sie spirituelle Kompetenz entwickeln. Und ja, meine persönliche Erfahrung zeigt mir, dass ich einen Preis für diese Bereicherung zahle. Der Preis liegt darin, dass das Streben nach persönlicher Bedeutsamkeit, der Kampf gegen den Untergang des eigenen Egos, durch die Entwicklung spiritueller Kompetenz geringer wird. Das dieser Preis eher Gewinn als Verlust bedeutet, ist jedoch eine jener Paradoxien, die sich nur jenen erschließt, die diesen Entwicklungsschritt tatsächlich wagen.

Ein weiterer Stolperstein mag sein, dass spirituelle Kompetenz nicht durch eLearning-Module, Videotrainings oder klassische Führungsseminare erworben werden kann. Diese Kompetenz vermittelt sich ausschließlich durch die Erfahrung und die Transformation am eigenen Ich. Hier gibt es nach meinem Dafürhalten auch keine halben Wege. Ein bisschen schwanger geht eben nicht und das gilt auch für spirituelle Kompetenz. Und das stellt sich für den ein oder anderen doch als ein Wagnis oder Risiko dar.

Auch wenn spirituelle Kompetenz nicht in klassischem Sinne gelehrt werden kann, so gibt es dennoch eine Reihe von praktikablen Vehikeln zu derartig transformativen Erfahrungen. So sind

  • Meditation
  • Systemaufstellungen und alle prozesshaften Methoden und Formate wie z.B. Awareness- oder Achtsamkeitsretreats
  • moderne Encountergruppen
  • Council-Kreise
  • oder im christlichen Umfeld die von dem Jesuiten Christian Herwartz entwickelten Straßen-Exerzitien
  • oder die von dem amerikanischen Franziskanerpater Richard Rohr für Männer der westlichen Welt entwickelten MROP

sehr geeignet, um auf den Pfad zur Entwicklung eigener spiritueller Kompetenz zu gelangen.

Vielleicht fragen Sie sich, was ich mit der Beschreibung des „höheren Ortes“ konkret meine?
Stellen Sie sich bitte vor, dass Sie jederzeit und von jedem beliebigen Ort innerhalb eines tiefen Tals mit einer Seilbahn schnell auf den höchsten Gipfel hinauf könnten. Von diesem „höheren Ort“ sehen Sie in ihr Tal hinab, sehen aber auch die umliegenden Täler, Berge und Flüsse. Sie sehen die Weite und die Ebenen bis hin zum Meer, als auch das Meer selbst. Und Ihr Blick ginge sogar so in die Weite und Breite, dass Sie sich selbst dabei wieder sehen könnten. Und sie wären in der Lage, mit allen Sinnen zu antizipieren, wie sich das, was Sie in Ihrem Tal tun, auf all das auswirkt. Ich erinnere mich, dass es im Film Matrix von 1999 eine Szene gab, in welcher sich der Protagonist Neo der Matrix und seiner Position darin bewusst wurde, was hier quasi wie eine Analogie zu meinem Beispiel erscheint.

Denn ohne diese Seilbahn und den weiten Blick stecken wir im Alltag im engen Tal fest, verlieren oder ignorieren den Blick auf das größere Ganze. Mit Glück reicht unser Blick dann bis zur Team- oder Abteilungsgrenze; weitaus seltener noch bis zur Organisationsgrenze, geschweige denn darüber hinaus. Und ein Blick auf die „mehr als menschliche Gemeinschaft“ ist vollends unmöglich.
Ich bin sicher, dass es auch Ihnen schlüssig erscheint, dass wir, wenn es uns gelänge, wiederkehrend und leicht dorthin, aus unserer persönlichen Matrix heraus zu diesem „höheren Ort“ zu kommen und von dort aus immer auch das Ganze im Blick zu behalten, wir deutlich bessere Wertschöpfung durch wertigere und nachhaltigere Arbeitsergebnisse erzielen würden.

In den letzten zehn Jahren hatte ich das große Glück, nicht nur viele Wege zu diesem „höheren Ort“ kennen zu lernen, sondern diese Wege auch selbst zu gehen. Alle Wege waren wertig, doch mit einigen war und bin ich stärker in Resonanz als mit anderen. Deshalb werde ich Ihnen hier keine Empfehlungen aussprechen, finden Sie es selbst heraus. Denn wie heißt es bei Nietzsche:

Höre Wanderer, da ist kein Weg. Wege entstehen beim Gehen.

Doch möchte ich Sie ausdrücklich ermutigen, sich auf den Weg zu Ihrer spirituellen Intelligenz zu machen, denn allen meiner gegangenen Wege ist eines gemeinsam: sie haben meine Sicht auf mich selbst, die Welt, die Menschen und insbesondere auch auf Organisationen nachhaltig beeinflusst.
In einem der nächsten Artikel werde ich Ihnen verschiedene Wege vorstellen, freue mich aber ganz besonders auf Ihre Kommentare und persönlichen Erfahrungen. Verfügen Sie über spirituelle Kompetenz? Wie war Ihr Weg dorthin? Was hat Sie dazu gebracht und wie beeinflusst dies Ihren Führungsalltag? Schreiben Sie mir und allen Mitlesern. Es ist an der Zeit.

Es grüßt Sie herzlichst Ihr
Stefan Brombach

Über den Autor

Stefan Brombach

Stefan Brombach ist Associate Partner der grow.up. Managementberatung und als Trainer, Berater und Coach im Einsatz, u. a. mit Schwerpunkten in der Konfliktberatung, generativen Kommunikation und Councilarbeit. Sein beruflicher Weg hat ihn über verschiedene Stationen in der Wirtschaft, u. A. als Entwicklungsingenieur, Projektkoordinator, Keyaccount- und Anforderungsmanager bis hin zum Berater geführt.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Send this to a friend